Jede Woche kommt eine weitere E-Mail mit der Nachricht, SEO sei tot und man brauche jetzt dringend eine GEO-Beratung. Der sachliche Teil dieser Warnung stimmt: Die Suche hat sich verändert. Der verkäuferische Teil verdient einen genaueren Blick.
Wir haben die bis September 2026 öffentlich verfügbaren Daten zusammengetragen, sie mit dem abgeglichen, was wir in den von uns betreuten Konten in Deutschland und Brasilien beobachten, und getrennt, was sich wirklich ändert und was nur ein neuer Name für alte Arbeit ist.
Was die Zahlen zeigen
Die erste Zahl handelt gar nicht von künstlicher Intelligenz, sondern vom Klick. Laut der SparkToro-Studie auf Basis von Similarweb-Paneldaten endeten zwischen Januar und April 2026 in den USA 68,01 Prozent aller Google-Suchen ohne einen einzigen Klick. 2024 lag dieser Wert noch bei 60,45 Prozent.
Die zweite Zahl erklärt einen Teil davon. Das Pew Research Center hat 68.879 echte Suchanfragen von 900 Erwachsenen ausgewertet und Folgendes gefunden: Erscheint eine KI-Zusammenfassung, klicken Nutzerinnen und Nutzer in 8 Prozent der Besuche auf ein klassisches Suchergebnis. Ohne Zusammenfassung sind es 15 Prozent. Auf die in der Zusammenfassung zitierte Quelle selbst wird nur in 1 Prozent der Besuche geklickt.
Die dritte Zahl steht selten in der Verkaufsmail: Der Traffic aus KI-Plattformen ist nach wie vor klein. Similarweb zählte zwischen Juni 2025 und Mai 2026 insgesamt 9,5 Milliarden monatliche Besuche über alle KI-Plattformen hinweg, ein Plus von 70 Prozent im Jahresvergleich. Absolut betrachtet viel, im Vergleich zu Google weiterhin wenig. Im selben Zeitraum stieg der Anteil der ChatGPT-Antworten mit Quellenangaben von 1,6 auf 6,8 Prozent.
Die ehrliche Lesart dieser drei Zahlen lautet nicht „der Traffic ist zur KI abgewandert“. Sie lautet unbequemer: Der organische Traffic ist geschrumpft, und nur ein kleiner, wenn auch wachsender Teil taucht auf einem anderen Weg wieder auf. Wer nur eine der beiden Bewegungen bearbeitet, verliert an beiden Enden.
Was GEO wirklich ist, ohne das Marketing drumherum
GEO steht für Generative Engine Optimization, also Optimierung für generative Systeme. Der Begriff stammt nicht aus einer Agentur, sondern aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Forschenden aus Princeton und dem IIT Delhi, vorgestellt auf der KDD 2024. Sie hat systematisch getestet, was dazu führt, dass Inhalte von generativen Systemen zitiert werden.
Das zentrale Ergebnis: Formale Anpassungen am Inhalt können die Sichtbarkeit in generierten Antworten um bis zu 40 Prozent erhöhen. Die wirksamsten Anpassungen sind unbequem einfach: Quellen nennen, überprüfbare Statistiken einbauen und Fachleute direkt zitieren. Kein technischer Trick, sondern redaktionelle Sorgfalt. Genau das, was einen brauchbaren Text von Füllmaterial unterscheidet.
Wo GEO und SEO dasselbe sind
Die offizielle Google-Dokumentation für Entwickler ist bei AI Overviews und AI Mode eindeutig: Es gibt keine zusätzlichen Anforderungen und keine besonderen Optimierungen, um in diesen Funktionen zu erscheinen. Wörtlich heißt es dort, man müsse keine neuen maschinenlesbaren Dateien, KI-Textdateien oder speziellen Auszeichnungen erstellen.
Was funktioniert hat, funktioniert weiter. Die Seite muss indexiert und für Snippets geeignet sein, schnell laden, saubere strukturierte Daten haben und die Frage tatsächlich beantworten. Wer ein solides SEO-Fundament hat, hat die halbe GEO-Arbeit bereits erledigt. Wer keines hat, löst das Problem nicht, indem er eine neue Schicht darüberlegt.
Wo GEO sich tatsächlich unterscheidet
Es gibt vier konkrete Unterschiede, und dort liegt die eigentlich neue Arbeit.
1. Die Kennzahl ändert sich. Im SEO messen Sie Position, Impressionen und Klicks. Im GEO messen Sie Zitate und Markennennungen: wie oft Ihr Unternehmen in Antworten auf die für Sie relevanten Fragen auftaucht, und in welchem Zusammenhang. Eine Marke kann hunderte Male zitiert werden, ohne einen einzigen Klick zu erhalten, und trotzdem den Auftrag gewinnen, weil die Entscheidung innerhalb des Gesprächs gefallen ist.
2. Die Quelle ändert sich. Semrush hat über 230.000 Prompts und mehr als 100 Millionen Zitate in ChatGPT, Google AI Mode und Perplexity ausgewertet. Die meistzitierten Domains sind keine Unternehmenswebsites, sondern Reddit, Wikipedia, LinkedIn, YouTube und Medienhäuser. Daraus folgt etwas, das für Unternehmen mit reinem Website-Fokus unangenehm ist: Ein großer Teil Ihrer KI-Sichtbarkeit entsteht außerhalb Ihrer eigenen Domain. Redaktionelle Präsenz, Beiträge in Fachforen, Inhalte mit echten Autorennamen und Pressearbeit sind kein Branding mehr, sondern Such-Infrastruktur.
3. Der technische Zugang ändert sich. Die Crawler hinter diesen Antworten sind nicht die gewohnten. OAI-SearchBot, GPTBot, PerplexityBot, ClaudeBot und Googles Token Google-Extended brauchen jeweils eine bewusste Entscheidung in Ihrer robots.txt und in Ihrer Firewall. Viele Unternehmen haben 2024 vorsorglich alles blockiert und sind heute in diesen Antworten unsichtbar, ohne den Grund zu kennen. Das sollten Sie prüfen, bevor Sie irgendeine Dienstleistung einkaufen.
4. Die Frage ändert sich. Niemand tippt „ERP Mittelstand“ in einen Chat. Getippt wird: „Welches Warenwirtschaftssystem lohnt sich für einen Betrieb mit zwölf Mitarbeitenden, der schon Datev nutzt?“ Lange Formulierungen, mitgelieferter Kontext, expliziter Vergleich. Inhalte, die echte Fragen mit Zahlen und Entscheidungskriterien beantworten, werden zitiert. Allgemeine Inhalte werden übergangen.
Was nicht funktioniert
Ein lehrreicher Fall für gesunde Skepsis: die Datei llms.txt, 2025 als robots.txt des KI-Zeitalters verkauft. Ahrefs hat im Mai 2026 137.210 Domains untersucht und festgestellt, dass 97 Prozent der veröffentlichten llms.txt-Dateien im Untersuchungszeitraum überhaupt keine Anfragen erhielten. Bei den wenigen mit Zugriffen entfielen auf die KI-Abrufbots, also genau jene, die für Sichtbarkeit relevant wären, 1,1 Prozent der Aufrufe.
Unsere Regel für Kundenprojekte ist schlicht: Solange es keinen Beleg dafür gibt, dass die Plattform etwas ausliest, ist es ein Gesprächsthema und keine Leistung. Dazu ein Hinweis, der Geld spart: Eine Platzierung in ChatGPT kann Ihnen niemand verkaufen. Es gibt keine Auktion, kein käufliches Ranking, keine garantierte erste Antwort. Wer das verspricht, verkauft etwas anderes.
Europa und Brasilien: zwei Kontexte, eine Strategie
In Europa kommt eine zusätzliche Ebene hinzu, die regulatorische. Der European Publishers Council hat im Februar 2026 eine förmliche Kartellbeschwerde gegen Google wegen AI Overviews und AI Mode eingereicht, und die Europäische Kommission hatte bereits im Dezember 2025 ein Verfahren zur Nutzung von Verlagsinhalten eröffnet. Praktisch heißt das: Die Regeln zu Einwilligung, Opt-out und Vergütung werden sich noch ändern. Europäische Strategien sollten diese Unsicherheit einplanen, statt sie zu ignorieren.
In Brasilien ist die Nutzung längst Massenphänomen. OpenAI teilte im August 2026 mit, dass Brasilianerinnen und Brasilianer täglich rund 215 Millionen Nachrichten an ChatGPT senden, gegenüber 140 Millionen ein Jahr zuvor, bei nahezu verdoppelter Nutzerbasis. Portugiesisch ist die dritthäufigste Sprache der Plattform. Für ein KMU mit Brasiliengeschäft heißt das: Das Gespräch über Ihre Branche findet bereits statt, mit oder ohne Sie.
Was beide Märkte verbindet, ist die Sprache. Ein Unternehmen, das in Berlin und in Brasilien tätig ist, muss auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch zitiert werden, und die Antworten stützen sich je nach Sprache auf unterschiedliche Quellen. Eine Übersetzung der Website reicht dafür nicht. Eigene Inhalte in jeder Sprache schon.
Checkliste: was in den nächsten 90 Tagen zu tun ist
- robots.txt und Firewall prüfen und bewusst entscheiden, welche KI-Crawler auf die Website zugreifen dürfen.
- Ausgangswert messen: Wie oft wird Ihre Marke heute in den Antworten auf die 20 geschäftsrelevanten Fragen zitiert, je Sprache?
- KI-Traffic in GA4 sauber trennen, mit eigenen Quellen für chatgpt.com, perplexity.ai, gemini.google.com und claude.ai.
- Strukturierte Daten überarbeiten: Organization, Product, FAQPage und Article, korrekt und validiert.
- Die fünf strategisch wichtigsten Seiten neu schreiben, sodass sie echte Fragen beantworten, mit datierten Zahlen, genannten Quellen und expliziten Entscheidungskriterien.
- Mindestens einen Beitrag pro Monat mit eigenen Daten veröffentlichen, also mit etwas, das nur Ihr Unternehmen belegen kann. Genau das erzeugt Zitate.
- Präsenz außerhalb der eigenen Domain aufbauen: Fachpresse, LinkedIn mit echten Autorennamen, Foren und Fachcommunities.
- Name, Adresse, Beschreibung und Positionierung über alle öffentlichen Quellen hinweg konsistent halten, denn diese Systeme gleichen die Angaben ab.
- Erfolgskriterien vor dem Start festlegen: Zitierrate, Anteil an den Antworten und zugeordneter Umsatz, jeweils im Vergleich zum Vorquartal.
Möchten Sie wissen, ob Ihr Unternehmen zitiert wird?
Agência Lira ist eine Beratung für digitales Marketing und Unternehmenskommunikation und arbeitet mit kleinen und mittleren Unternehmen in Europa und Brasilien. Wir decken Strategie, Paid Media, Content und digitale Struktur ab, auf Deutsch, Englisch und Portugiesisch.
Wir erstellen eine erste Bestandsaufnahme Ihrer KI-Sichtbarkeit: Wir kartieren die Fragen, die zu Ihrem Geschäft führen, messen, wie oft Ihre Marke in den Antworten von ChatGPT, Gemini und Perplexity erscheint, vergleichen das mit Ihren direkten Wettbewerbern und zeigen Ihnen, wo die Lücke liegt. Ist das Problem klassisches SEO, sagen wir Ihnen, dass es SEO ist. Gibt es noch nichts zu optimieren, sagen wir Ihnen auch das.
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Wenn Sie zuerst den Arbeitsumfang verstehen möchten: So funktioniert die Marketingberatung von Agência Lira.
Quellen
- SparkToro auf Basis von Similarweb-Paneldaten, Studie zu Suchen ohne Klick, Juni 2026
- Pew Research Center, „Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results“, Juli 2025
- Aggarwal, Murahari, Rajpurohit, Kalyan, Narasimhan und Deshpande, „GEO: Generative Engine Optimization“, ACM SIGKDD 2024
- Google Search Central, offizielle Dokumentation zu KI-Funktionen in der Suche
- Semrush, „The Most-Cited Domains in AI“, 13-wöchige Studie mit über 230.000 Prompts
- Ahrefs, llms.txt-Studie über 137.210 Domains, Mai 2026
- Similarweb, Statistiken zur KI-Suche, Juni 2025 bis Mai 2026
- OpenAI, Nutzungszahlen für Brasilien, veröffentlicht im August 2026
- European Publishers Council, Kartellbeschwerde gegen Google, Februar 2026